Zur Debatte von vorgestern

Veröffentlicht am 12.05.2012 in Freiheit & Sicherheit
Wer erinnert sich noch an die Diskussion zum Unwort des Jahres 2004? Damals wurde die Wortkombination „Mitnahme-Mentalität“ als heißer Anwärter auf den Titel gehandelt. Sicherlich, der Kontext war ein gänzlich anderer und doch fühle ich mich bei der gegenwärtigen Debatte um eine Reform des Urheber_innenrechts ein wenig an diesen Begriff erinnert. Heute allerdings ist es kein sozialdemokratischer Kanzler, der Erwerbslosen pauschal vorwirft, sie würden auf Kosten einer hart arbeitenden „Mehrheitsgesellschaft“ leben, sondern eine andere Zunft bedient sich, wenngleich nicht explizit, einer ähnlichen Argumentation.

 

Am Pranger stehen heute nicht Erwerbslose, sondern eine diffuse Masse von Internetnutzer_innen sowie zuvorderst die Piratenpartei, welchen ein breit gefächertes Spektrum von Lebenskünstler_innen vorwirft, dass Internet vorwiegend in der Form zu nutzen, neueste Filme, Bücher und andere Medien zu stehlen. Dass der Begriff Mitnahme-Mentalität in diesem Zusammenhang noch nicht gefallen ist, lege ich an dieser Stelle wohlwollend als diplomatische Sprachsensibilität seitens der Ankläger_innen aus.

Ich gestehe zu, dass in Zeiten des Internets eine Reform des Urheber_innenrechts unabdingbar ist, allerdings wundere ich mich doch sehr darüber, mit welchen Methoden und Argumentationen diese Debatte vonseiten der Kunstschaffenden geführt wird. Da wird darüber schwadroniert, dass Internetserviceprovider sich zu Mitschuldigen machten, weil sie a) Internetzugänge anbieten, die für immer mehr Menschen erschwinglich sind und b) den Datenverkehr ihrer Nutzer_innen nicht überwachen wollen. Grundvoraussetzung ist dabei die Pauschallogik, dass die überwältigende Mehrzahl der Internetnutzer_innen beim Surfen vor allem das Kopieren geistiger Inhalte zum Ziel hat.

Diese Debatte ist keine andere, als diejenige, die um Internetplattformen wie Napster geführt wurde, mit dem feinen Unterschied, dass es heute nicht die Rechteverwerter_innen, beispielsweise Plattenfirmen und Filmverleihe, sind, die das Ende der freien Kunst gekommen sehen, sondern diejenigen, welche die Inhalte erdenken.

Ich bin mir sehr wohl bewusst darüber, dass viele Menschen von der Kunst, welche sie schaffen, leben müssen. Dennoch sage ich deutlich: die Dekadenz, mit welcher Verbalinjurien von Künstler_innen und Funktionär_innen der Branche breit gestreut werden und die völlige Ausblendung der Realität, welche dazu führt, dass das Gros der Internetnutz_innen zu kleinkriminellen Dieben kollektiviert wird, kotzt mich an!

Selbstverständlich müssen die Interessen der Kunstschaffenden gewahrt werden, dabei darf jedoch nicht vergessen werden, dass selbige ohne die Konsument_innen ebenfalls aufgeschmissen wären. Wofür die Verfasser_innen diverser offener Briefe plädieren, ist nichts anderes als eine Elitarisierung des Zugangs zu Medieninhalten durch eine flächendeckende Überwachung aller User_innen. Konsumieren darf demnach nur, wer das notwendige Kleingeld parat hat. Dass dabei ein Großteil der Zielgruppe schlichtweg außen vorbleibt, scheint als notwendiges Übel einkalkuliert zu sein.

Ich bin der Meinung, dass die aktuelle Debatte, so wie sie von einigen Kunstschaffenden geführt wird, kalter Kaffee ist. Die Argumentation ist die gleiche wie vor zehn Jahren, nur die sichtbaren Akteur_innen sind andere. Das Internet hat sicherlich dazu beigetragen, die Gewinne diverser Rechteinhaber_innen zu schmälern. Dies lag jedoch mitnichten daran, dass von Seiten der User_innen ein Höchstmaß an krimineller Energie aufgebracht wurde, um sich kostenlos mit Medieninhalten zu versorgen, sondern ist auch eine Folge davon, dass die zunehmende Digitalisierung der Gesellschaft einfach verschlafen wurde. Der Umgang mit der Piratenpartei beweist, dass vor allem in den etablierten Parteien das Verständnis dafür fehlt, dass sich eine neue soziale Frage aufgetan hat, zu der tragfähige Lösungsansätze gefunden werden müssen. Die genannte Partei versteht sich selbst als Versuch, auf diese Fragen eine Antwort zu finden und ist damit den anderen Parteien einen Schritt voraus.

Für mich bleibt klar: es wäre ein großer Schritt, wenn bei der Diskussion über den Erhalt des eigenen Unterhalts nicht permanent vergessen würde, dass das Internet zuvorderst auch dazu beigetragen hat, Künstler_innen überhaupt bekannt werden zu lassen. In diesem Sinne ist das strikte Beharren auf einer Verschärfung des Urheber_innenrechts, auch im Sinne der Kreativen, regressiv.

Erik
Sprecher der Jusos Jena
 

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